Juli 06, 2005

Ihre Reisebroschüre


Liebe Amerikaner, 

um fahrerischen Unsicherheiten während Ihres Deutschlandbesuchs zu entgehen, hier die grundsätzlichen Regeln und Erscheinungen unserer liebsten Erfindung, der Autobahn.
Um dem geschichtlichen Ursprung gerecht zu werden, haben wir alle zwei Kilometer (das sind für Sie 1,24 Meilen) Lautsprecher aufgestellt, die Sie während der Fahrt mit Wagneropern beschallen. Wundern Sie sich nicht, sondern zollen Sie Respekt durch lautes Mitsingen. Weiterhin befinden sich unter jedem Lautsprecher Schilder mit Entfernungsangaben zum Obersalzberg sowie dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. 

Die deutsche Autobahn besitzt – wie Sie es schon ahnten – keine Abfahrten, weshalb viele fahrtüchtige, aber ahnungslose Deutsche und Ausländer jahrelang kreiseln. Abfahrtmöglichkeiten ergeben sich nur in Ausnahmesituationen wie z.B. Fussballweltmeisterschaft, Oktoberfest. Folglich wird ein grosser Abfahrtenansturm für das Jahr 2006 erwartet. Bitte fernbleiben! Weiterkreiseln! 

Spurblockaden von Ihnen, liebe Besucher, sind verboten, besonders in Fällen wie: Teures Auto hängt an Ihrer Stoßstange. Rasen Sie notfalls ins nächste Gebüsch, um den reibungslosen Verkehr zu sichern. 
Sollte sich Ihr Auto langsamer als 150 km/h (das sind für Sie 93,2 Meilen pro Stunde) bewegen, öffnet sich automatisch der berüchtigte Strafschacht. Auto samt Fahrer fallen hinein und müssen ihre Reise am Ausgangspunkt fortsetzen. 
Die Strafschachtregel wird nicht angewendet in den folgenden Fällen: Stau. 

Sollte vor Ihnen ein Stau auftauchen, halten Sie rechtzeitig an. Sie sind verpflichtet zum Sonnenbad ohne Kleidung (Mai bis September) und Tombola (Oktober bis April). Tombolaregeln sind vor Beginn der Reise bei der Autobahnpolizei zu erfragen. Anwendung falscher Regeln führt zu einer Stauverdopplung. 

Um den Autobahnspass aufrechtzuerhalten, sind Bürger fremder Länder verpflichtet, eine Spassgebühr in Höhe von 50 Euro pro Reisende(r) zu zahlen. 
Die Spassgebühr wird um weitere 50 Euro erhöht, wenn Sie aus den folgenden Ländern stammen: Österreich, Libanon, Vereinigte Staaten von Amerika. 
Kreditkarten werden nicht akzeptiert, Zahlungen nur an den folgenden Raststätten möglich: Hüttener Berge Ost an der Hundebar. 

Wir freuen uns über Ihren Besuch und wünschen gute Fahrt! 
Auf Wiedersehen in Deutschland!

April 28, 2005

Wie es so geht


Heute weckte ich telefonisch meinen Freund, damit er sich anzieht und arbeiten geht. Mitten im Gespräch fragte er: "Hast Du noch Deinen Kopf?" 
Ich bedankte mich für sein Interesse und wollte wissen, seit wann er sich nach lebenswichtigen Körperteilen erkundigt. Mir wurde erklärt, ich sei letzte Nacht von einem Exekutionskommando verurteilt worden, jedoch hätte er mich retten können. Ich beendete die Konversation dann recht zügig und schickte ihn duschen. 

Neuerdings haben wir auch eine Katze. Der Freund wollte ihr unbedingt einen deutschen Namen geben. Da aber die deutschen Wörter, die er beherrscht (Kippenpause, Guten Appetit, Gute Nacht), unpassend erschienen, heißt sie nun Klingeling. 
Klingeling jagt in regelmäßigen Abständen durch das gesamte Haus, tötet gern kleine Salamander im Bad und ist taub, wenn sie keinen Hunger hat.

In wenigen Wochen beginne ich mein Studium an einem neuen College. Um dauerhaft um 2000 Dollar gesenkte Studiengebühren zahlen zu dürfen, muss ich sogenanntes Engagement zeigen. 
Engagement bedeutet, sich aus einer langen Liste verschiedene Aufgaben auszusuchen, die man Semester für Semester mit Freude anpackt. 
Mein Favorit ist natürlich "Bereite und stelle ein Gericht Deines Heimatlandes vor!". Das könnte man auch hervorragend mit der Projektstunde "Dein Heimatland: Wie es wirklich ist!" verbinden:
Schweinebratenkochend würde ich erklären, dass Deutschland eigentlich nur aus Bayern besteht und wir täglich völlig betrunken mit einem Bier in der Hand auf der A9 kreiseln. Wenn wir krank sind, verbringen wir drei Tage in einem Fass voller Sauerkraut und erscheinen anschließend ordentlich, pünktlich und in Lederhosen an unserer Arbeitsstätte bei BMW. An Wochenenden frönen wir unserem Hobby, dem Breznbacken. Wer nicht blond und blauäugig ist, muss nach Italien auswandern; um das deutsche Aussehen im Gleichgewicht zu halten, importieren wir notfalls aus Schweden. Im Volksmusiktakt marschieren wir in Fußballstadien, setzen Pickelhauben auf und werden Papst. 
Mahlzeit!

Februar 15, 2005

Frischer Wind


Mein Freund und ich überlegten uns neulich, sportlich zu sein. Man kann nicht immer biertrinkend auf dem Sofa liegen oder alternativ in einer Kneipe. Vor der Praxis bedurfte es ausführlicher Theorie.

Der Freund bezeichnet sich gern als „international player“, was daher rührt, dass ich aus Deutschland komme und er eben nicht. Umso mehr tendierte er zu internationalem Sport.
Fußball jedoch lehnte ich sofort ab. Fußball spiele man nicht, man schaue es biertrinkend auf dem Sofa, womit wir wieder bei der Ausgangssituation landeten.

Tennis klang schon besser, wurde vom Freund aber einzig und allein auf Grund der engen und kurzen Röckchen, die man mir im Sporthandel kaufen könnte, vorgeschlagen. Nach weiterer Überlegung sah ich uns ohnehin als Kreisligakopie Graf-Agassi biertrinkend auf dem Sofa liegen.

Gegen Radfahren fielen mir nur schleppend Gegenargumente ein. Vor allem, weil wir im einzigen Ort der USA wohnen, welcher jemals Fahrradwege hervorbrachte.
Ich fragte, ob das Radeln nicht völlig überschätzt werde. Diese Radelei führe letztendlich nirgendwo hin. Nur einmal im Jahr würden viele dünne, halbgebräunte Halbleichen in einem großen Kreis durch Frankreich radeln, ab und an hinfallen, sehr enge Kleidung tragen und bei der Siegerehrung einen Plüschhasen geschenkt bekommen. Es mache keinen Krach, gehe über absurd hohe Berge und am Ende scheitere alles am falschen Sattel. 

Ich schlug eine Abwandlung des althergebrachten Radsports vor: Zwei Teams von Radlern, alle schon völlig gerädert durch zu viele Radler, radeln aufeinander zu und wer als Erster vom Rad fällt, verliert und qualifiziert sich für ein Lanzengefecht zu Pferd. Das alles findet im Kolosseum zu Rom statt, Eintrittskarten sind völlig überteuert und mafiagesteuert…

Das tat der Freund natürlich als völligen Unsinn ab, zumal ich „Lanzengefecht“ nur unzureichend in die englische Sprache übersetzen konnte.

Unser Theoriegespräch wurde vertagt. Man kann es dem Freund eben nicht recht machen.


Januar 25, 2005

Kontra


Mein Freund und ich wohnen nun schon eine Weile zusammen und neulich machte er den Vorschlag, uns eine Bulldogge anzuschaffen. Ich war natürlich nicht begeistert, weil Hunde und ich oft einem Missverständnis unterliegen: Der Hund mag mich, aber ich mag den Hund nicht.
Man kann sich dann hinsetzen und das dem Hund erklären, aber Hunde hören mir nicht zu, sondern werfen sich auf den Rücken und warten darauf, dass ich kraulend über sie herfalle.

Für den Freund war das kein Argument.
Ich brachte den nächsten Ablehnungsbescheid: Man kann keine Bulldogge kaufen, nur weil die Bulldogge das Symbol seines Lieblingsfootballvereins ist. Zumal wir schon eine Porzellanbulldogge bei uns in der Küche stehen haben, die ich nicht verrücken darf (z.B. in den Schrank).

Dieses Mal zählte mein Einwand als Argument, jedoch nicht gegen einen Hund an sich, denn sein nächster Vorschlag war ein Pitbull, wahrscheinlich wegen dem „bull“ im Namen.
Ich versuchte einen radikalen Themenwechsel und schlug vor, anstelle eines Hundes einen Papagei zu kaufen. Ein Papagei stirbt erst nach uns, pinkelt nicht an jeden Pfeiler und spricht. Einem Papagei könnte ich notfalls erklären, dass ich ihn ablehne, ohne dass er sich wortlos auf den Rücken wirft, wie es der Hund tut.
Der Freund übersprang meinen Papagei völlig und freute sich riesig, dass wir im Frühjahr eine Bulldogge kaufen gehen.

Ich stellte mich dann in eine imaginäre Ecke und imitierte ein Telefon: Man wird eben manchmal überhört.

August 18, 2004

Wie ich einmal Konrad abholte


Neulich fuhr ich zum Flughafen, um Konrad abzuholen. Konrad ist mein vorübergehender Mitbewohner und fährt gern einmal ans Meer, um dort kleine Schildkröten beim Baden zu beobachten. 

Es war spät, der Flughafen klein und alle Geschäfte geschlossen.
Außer mir langweilten sich die Damen der Avis-Vermietung und ein dicker Chinese mühte sich mit einem Staubsauger in der Größenordnung eines Leuchtturms ab. 
Der Geräuschpegel störte die Klavierfassung eines Foo Fighters-Liedes doch sehr.

Ich zählte genau vier Gepäckbänder. 
Mein Lieblingsgepäckband war Independence 5817. Dem Namen nach zu urteilen war es sehr wahrscheinlich das Spezialband der NASA für Raumfähren. Ich sah schon halbnackte Raumfahrer kreiseln, als sich Independence plötzlich ausschaltete und statt dessen ein „Welcome to Savannah“ aufleuchtete. Independence hatte wohl Probleme mit dem Eintritt in die Erdatmosphäre.

Plötzlich tauchten Menschen auf.
An mir lief ein unheimlich großer und beängstigend dünner Amerikaner vorbei. Er trug Sportkleidung und etwas in der Hand, das doch schwer an einen Besteckkasten erinnerte. 
Kurz darauf schwebten zwei dicke Gazellen mit Zimtparfum an mir vorbei, weshalb mein Gehirn vorübergehend aussetzte. 

Als ich wieder zu mir kam, heulte eine Sirene los, rotes Leuchten in der Delta-Ecke. 
Ich wusste: Es war an der Zeit, dass Batman im Batmobil um die Ecke bog. Ich suchte nach dem geheimen B-Zeichen auf dem Teppichmuster, konnte aber keines finden.
Mindestens acht Passagiere eilten zum Gepäckband und holten ihre Koffer ab.
Als die Aufruhr ein Ende fand, blieb ein Karton übrig: Salted Duck Eggs. Made in China. 
Ich musste mich schon sehr wundern, wie jemand so ein kulinarisches Highlight liegen lassen konnte. 

Weit und breit kein Konrad in Sicht.
Mittlerweile kam die Konradwartezeit auf gefühlte 93 Stunden.
Die Durchsage, dass sein Flug eineinhalb Stunden Verspätung hatte, machte die Sache nicht besser. 
Ich schlenderte in das letzte Etablissement, was noch offen hatte, eine Sea Food Bar. 

Nach zwei Bier und Geräteturnen in Athen ging es mir schon viel besser und ich schlief entspannt in einem Schaukelstuhl ein.